Ausgabe № 19 · Mai 2026 Strick-Journal · Monatlich
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Techniken · 12 min

Brioche stricken zweifarbig — die Mai-Anleitung

Patentstrickerei in zwei Farben, jede Reihe doppelt gestrickt, beide Seiten ein Muster. Was die brkyobrk-Logik ausmacht und wie ein erstes Stirnband in einer Stunde gelingt.

Brioche stricken zweifarbig — die Mai-Anleitung
Techniken 09.05.2026

Brioche — auf Deutsch Patentstrickerei, in der englischen Strick-Literatur als Two-Color Brioche oder Fisherman’s Rib in Two Colors bekannt — ist eine der wenigen Techniken, bei denen jede Reihe der Anleitung zwei tatsächliche Reihen am Strickstück bedeutet. Im aktuellen Heft Mai 2026 widmen wir der Technik einen vollständigen Werkstatt-Teil, weil sich um keine andere Methode in unserer Mail-Sprechstunde so viele Missverständnisse ranken. Diese Anleitung ist als systematischer Einstieg gedacht: die Mechanik, das Material, ein konkretes erstes Projekt.

Was Brioche eigentlich tut

Die Grundidee ist eine doppelt gestrickte Masche. Auf jede „echte” Masche kommt ein Umschlag (yarn over), der mit der nächsten Reihe zusammen abgestrickt wird. Das Ergebnis ist eine Struktur, in der jede sichtbare Masche von vorne aus zwei Fäden besteht — der eigentlichen Masche und dem mit ihr verbundenen Umschlag aus der Vorreihe. Diese Doppelung erzeugt drei Eigenschaften, an denen man ein gut gestricktes Brioche-Stück sofort erkennt: ungewöhnliche Elastizität, deutlich höhere Dichte als Standard-Rippstrukturen, und auf beiden Seiten ein klar lesbares, voneinander verschiedenes Muster.

Bei der einfarbigen Variante (Brioche knit one color) sieht man auf der Vorderseite ein klassisches Rippmuster, das voller und tiefer wirkt als 1×1-Rippe. Spannender wird es im Zweifarbigen. Hier zeigen die beiden Seiten des Strickstücks die invertierte Färbung. Wenn Vorderseite hauptsächlich Farbe A zeigt, ist die Rückseite hauptsächlich Farbe B. Das ist kein Effekt der Wahrnehmung, sondern eine direkte Folge davon, wie Brioche aufgebaut ist: Was auf der einen Seite die „obere” Maschenhälfte ist, ist auf der anderen Seite die „untere” — und genau dort sitzen die Farb-Wechsel.

Maschenkürzel und ihre Bedeutung

Wer englische Brioche-Anleitungen liest, begegnet drei Schlüsselbegriffen, die sich nicht intuitiv erschließen. brkyobrk ist die Brioche-Kernmasche und steht für „brioche knit, yarn over, brioche knit” — eine zusammengesetzte Operation, mit der man aus einer Masche drei macht (verwendet als Zunahme in geformten Stücken). brp1 ist „brioche purl one”, also eine linke Masche, die zusammen mit dem Umschlag der Vorreihe abgestrickt wird. sl1yo ist „slip one with yarn over”, die Vorbereitung der nächsten Masche: man hebt eine Masche unabgestrickt ab, legt den Faden gleichzeitig als Umschlag darüber.

Die eigentlich verwirrende Eigenheit kommt jetzt: In jeder Anleitungs-Reihe wird zweimal gestrickt. Einmal mit Farbe A, dann das Stück zurück an den Reihenanfang geschoben (wenn auf Rundnadeln gearbeitet wird) oder gewendet (auf geraden Nadeln), und ein zweites Mal in derselben Anleitungs-Reihe mit Farbe B. Das heißt: was im Schemata „Reihe 1” heißt, ist am Strickstück Reihe 1a und Reihe 1b. Pro Anleitungs-Reihe also zwei Reihen am Stück. Das verdoppelt die Strickzeit gegenüber Standard-Strickwerk, was bei der Material-Kalkulation eingerechnet werden muss.

Die Reihen-Struktur

Konkret sieht der zweifarbige Grundrhythmus so aus, dargestellt als Vier-Schritt-Zyklus mit den Farben Hellgrau (A) und Dunkelblau (B):

Reihe 1a, Farbe A: brioche knit auf jeder Rippmasche, sl1yo auf jeder Glattmasche. Reihe 1b, Farbe B (gleicher Reihen-Anfang): sl1yo auf jeder Rippmasche, brp1 auf jeder Glattmasche. Reihe 2a, Farbe B: brioche knit auf jeder Rippmasche, sl1yo auf jeder Glattmasche. Reihe 2b, Farbe A: sl1yo auf jeder Rippmasche, brp1 auf jeder Glattmasche.

Diese vier Mini-Reihen ergeben zwei tatsächliche Reihen am Strickstück und einen vollständigen Farbzyklus. Wiederholt man den Vier-Schritt, baut sich die typische Brioche-Struktur Reihe für Reihe auf.

Cast-On und Material

Der saubere Anschlag für zweifarbiges Brioche ist der Two-Color Italian Cast-On. Er sieht aus wie ein klassischer italienischer Anschlag, verwendet aber abwechselnd beide Farben und schließt die untere Kante so, dass die Farb-Logik des Briochestrickwerks sich vom ersten Stich an konsistent fortsetzt. Eine ernsthafte Alternative ist der Long-Tail Tubular Cast-On in zwei Farben, der eine etwas röhrigere Anfangs-Kante produziert und gut zu Stirnbändern passt, weil die Kante nach innen rollen darf, ohne den Eindruck eines Designfehlers zu hinterlassen.

Materialempfehlung für ein erstes Projekt: ein DK-Gewichtsgarn aus reiner Wolle oder einem Wolle-Mohair-Blend, kein Superwash. Lauflänge etwa 230 Meter auf 100 Gramm, Maschenprobe 18 Maschen und 36 Reihen auf 10 Quadratzentimeter bei 4,5 mm Nadel. Wichtig sind zwei kontrastreiche Farben mit deutlichem Helligkeits-Unterschied — Brioche lebt von der Möglichkeit, die Muster-Logik mit einem Blick zu lesen, und zwei Mitteltöne nebeneinander zerfließen optisch. Eine helle Farbe (Naturweiß, Hellgrau, Petrol-Hellblau) gegen eine dunkle Farbe (Dunkelblau, Burgunderrot, Anthrazit) gibt die saubersten Ergebnisse.

Was 2026 in der Brioche-Szene passiert

Drei Designer:innen prägen den aktuellen Brioche-Diskurs. Stephen West aus Amsterdam veröffentlicht seit 2015 jedes Jahr mindestens drei zweifarbig-Brioche-Anleitungen — überwiegend Shawls, in denen die Technik mit asymmetrischen Zunahmen kombiniert wird. Nancy Marchant hat mit Knitting Brioche (Storey Publishing, mehrere Neuauflagen) das systematische Standardwerk geschrieben und unterhält in Amsterdam eine Brioche-Werkstatt, die jährlich rund 200 Strickerinnen ausbildet. Andrea Mowry aus Wisconsin hat das Feld der zweifarbigen Brioche-Shawls in Richtung weicher Gradient-Färbungen geöffnet — ihre 2025er-Kollektion Brioche Gradients arbeitet mit drei statt zwei Farben und Reihen-weisen Übergängen.

Erstes Projekt: ein Stirnband-Prototyp

Für die erste Strickerfahrung empfiehlt die Redaktion ein einfaches Stirnband ohne Increases und Decreases. Material: zwei Knäuel DK-Wolle in kontrastierenden Farben, je 50 Gramm reichen aus. Rundnadel 4,5 mm, 40 cm Länge.

Cast-On in Two-Color Italian Method: 80 Maschen anschlagen, geschlossen zur Runde verbinden. Erste Anleitungs-Reihe wie oben beschrieben beginnen. Vier-Schritt-Zyklus 50 Mal wiederholen — das ergibt am Strickstück 100 Reihen. Bei einer Maschenprobe von 36 Reihen pro 10 cm entsprechen 100 Reihen rund 28 cm — die typische Stirnband-Höhe für eine Erwachsenen-Kopfgröße. Bind-Off in Tubular Method, dann das Stück innen umlegen und mit unsichtbarem Stich verbinden, wenn ein doppellagiges Stirnband gewünscht ist.

Strickzeit: bei ungeübter Hand etwa 60 bis 75 Minuten. Bei der zweiten oder dritten Wiederholung lässt sich die Strickgeschwindigkeit messbar steigern, weil die Hände den Vier-Schritt-Rhythmus internalisiert haben. Wer das Stirnband fertig hat, kennt nicht nur die mechanische Logik, sondern hat auch ein Gefühl dafür, wie sich Brioche-Spannung beim Tragen verhält — die Struktur entspannt sich auf dem Kopf um etwa 10 Prozent, kalkulierbar in jedem weiteren Projekt.

Auf Seite 26 dieses Hefts liegt das Schemata als saubere Vier-Spalten-Grafik, die parallel zum Stricken neben den Nadeln liegen kann. Ein Schreibtisch, eine gute Lampe, zwei Knäuel — und der Mai-Nachmittag hat seinen Plan.


Ressort: Techniken