Merino vs. Bluefaced Leicester — der Wolle-Vergleich Mai 2026
Zwei Wolle-Schulen, zwei sehr verschiedene Strick-Erfahrungen. Was hautweich macht, was strapazierfähig, und welche Mischung im aktuellen Heft den besten Kompromiss liefert.
Diese Woche hat uns die immergleiche Frage in der Sprechstunde erreicht: Merino oder Bluefaced Leicester? Die Antwort, die wir jedes Mal geben müssen, ist: Es kommt darauf an, was Sie damit vorhaben. Beide Wolle-Familien dominieren den europäischen Hand-Strick-Markt im Mai 2026, beide sind in Ausgabe № 19 in mindestens vier Anleitungen verarbeitet, und beide haben fundamentale Eigenschaften, die sich nicht durch Spinnen oder Färben kaschieren lassen.
Merino: feine Faser, weiche Hand, kürzerer Stapel
Die Merino-Wolle stammt von einer Schafrasse, die ursprünglich in Nordafrika gezüchtet und im 12. Jahrhundert nach Spanien gebracht wurde. Heute kommen rund achtzig Prozent der weltweiten Merino-Produktion aus Australien, weitere zwölf Prozent aus Neuseeland und Südafrika. Die definierende Eigenschaft ist die Faserdicke. Wir sprechen hier von 19 bis 22 Micron — in der oberen Hälfte des Sortiments liegt die Standardware, in der unteren Hälfte die Premium-Klasse, die mit Bezeichnungen wie Ultrafine, Superfine und 17-Micron-Boutique-Lots gehandelt wird.
Diese Feinheit ist der Grund, warum Merino auf der Haut praktisch nie kratzt. Die menschliche Haut beginnt Wolle ab etwa 25 Micron als pieksig wahrzunehmen — Merino liegt grundsätzlich darunter, oft deutlich. Die Kehrseite: kurze Fasern, kurzer Stapel, schnelles Pilling. Wer einen Merino-Pullover regelmäßig unter einem Mantel trägt oder häufig wäscht, sieht binnen Monaten die ersten Knötchen an den Reibestellen — Achselbereich, Ärmel, Hüfthöhe. Strapazierfähig ist die Wolle deshalb nicht. Auch Form-Stabilität ist eine Schwachstelle: Merino schmiegt sich an den Körper, das ist angenehm beim Tragen, aber bedeutet, dass ein zu großer oder zu großzügig geschnittener Pullover nach einigen Wochen ausleiert.
Ein zweiter ernsthafter Punkt: Mulesing. Bei dieser in Australien immer noch verbreiteten Praxis wird Schafen Hautgewebe um den Schwanz herum operativ entfernt, um Fliegenbefall vorzubeugen. Zertifizierte mulesing-freie Wolle ist im Handel deutlich teurer und nicht in jedem Garn-Sortiment selbstverständlich. Wer auf das Thema achtet, prüft vor dem Kauf das Label: Begriffe wie ZQ Merino, Mulesing-Free Certified, Climate-Beneficial oder die Herkunft Neuseeland sind die seriösen Marker.
Bluefaced Leicester: das englische Gegenmodell
Die Rasse Bluefaced Leicester wurde 1903 in Northumberland aus dem älteren Border Leicester selektiert. Charakteristisch ist die schwärzlich-blau pigmentierte Gesichtshaut, die durch die weiße Wolle hindurchschimmert — daher der Name. Die Wolle hat eine Faserdicke von 24 bis 27 Micron. Das ist messbar gröber als Merino, aber immer noch im tragbaren Bereich. Wer ein BFL-Garn zwischen die Finger nimmt, bemerkt die deutlich glatte, beinahe seidige Oberfläche und einen charakteristischen silbrigen Schimmer — eine Eigenschaft, die der lange Stapel der Rasse mit sich bringt.
Lauflänge eines BFL-Fingering-Garns: rund 366 Meter auf 100 Gramm. Standard-Maschenprobe: 28 Maschen und 36 Reihen auf 10 Quadratzentimeter bei 3,0 mm Nadelstärke. Wer das Garn in der Hand hat, fühlt einen anderen Widerstand als bei Merino — weniger Bauschigkeit, mehr Drahtigkeit, eine Faser, die unter Spannung weniger nachgibt. Das macht BFL formstabil. Ein BFL-Pullover hält die Schulter-Linie, in der er gewaschen wurde, auch nach Jahren.
Pilling-Resistenz ist die zweite Stärke. Die langen Fasern (durchschnittlich 12 bis 15 cm Stapel-Länge gegenüber 6 bis 9 cm bei Merino) verzahnen sich im Garn deutlich besser, und kurze Faserspitzen, die sich beim Reiben lösen können, sind seltener. Wer ein BFL-Stück sieben oder acht Jahre alt sieht, sieht in der Regel ein Stück mit feiner Patina, nicht mit Knötchen-Teppichen.
Der spürbare Preis dieser Eigenschaften: Hautempfindlichkeit. Reines BFL kratzt nicht so deutlich wie eine gröbere Bergrasse, ist aber für Hals-Anbindungen — Rollkragen, hoher Pulli-Kragen, Schal direkt auf der Haut — nicht jedermanns Sache. Wer empfindliche Haut hat, sollte vor dem Kauf eine Strickprobe gegen die Innenseite des Handgelenks oder den Hals halten und ehrlich antworten, ob das in einer langen Bahn ausreichend wäre.
Was die Hand beim Stricken erfährt
Merino fließt durch die Finger. Die Maschen formen sich fast von selbst, die Spannung muss man bewusst halten, sonst werden die Maschen zu locker. Strickfehler verschwinden in der weichen Bauschigkeit. Die Maschenprobe muss vor dem Waschen und nach dem Waschen gemessen werden — Merino verändert sich beim ersten Bad messbar, oft um eine halbe Masche pro Zentimeter.
BFL ist disziplinierter. Die Maschen bleiben dort, wo man sie setzt. Die Spannung muss man wenig korrigieren. Wer Patterns mit klaren Strukturen strickt — Aran-Zöpfe, Lace-Yokes, Fair-Isle-Bänder — sieht jede einzelne Masche im fertigen Stück. Die Maschenprobe vor und nach dem Waschen ist nahezu identisch.
Anbieter im aktuellen Heft
Daughter of a Shepherd aus Yorkshire spinnt seit 2017 reine BFL-Garne von benannten Höfen — Rückverfolgbarkeit bis zum einzelnen Schaf, Lauflängen zwischen 350 und 400 Metern auf 100 Gramm. The Fibre Co. aus Cumbria mischt BFL mit Mohair und Tweed-Fasern (Acadia, Cumbria, Lore) und liefert farbliche Tiefe, wie sie ein Merino nicht schafft. Tukuwool aus Finnland produziert eine 27-Micron-Wolle aus finnischen Landschafen, die sich in Hand und Strickgefühl überraschend nahe an BFL bewegt — die Lauflänge des Fingering-Garns liegt bei 200 Metern auf 50 Gramm. Manos del Uruguay schließlich, eine Frauen-Kooperative seit 1968, hand-färbt Merino-Garne in Strängen mit unregelmäßigen Tonwechseln — sechzehn Mitarbeiterinnen pro Strang in einem traditionellen Färbe-Workshop in Punta del Este.
Die ehrliche Empfehlung
Für einen Pullover, der zehn Jahre seine Form halten soll und auch bei wöchentlichem Tragen nicht pillt: Bluefaced Leicester. Für ein Stück, das direkt auf der Haut getragen wird — Unterwäsche-Pullover, Babykleidung, Rollkragen — Merino, idealerweise mulesing-frei aus Neuseeland. Für die meisten Anleitungen, die wir in der Redaktion stricken, hat sich aber eine dritte Option durchgesetzt: ein 50/50-Mix. Mehrere Spinnereien liefern inzwischen entsprechende Blends — BFL gibt die Stabilität, Merino die Hautfreundlichkeit. Lauflängen liegen typischerweise bei 380 bis 420 Metern auf 100 Gramm, Maschenprobe bei 26 bis 28 Maschen auf 3,25 mm.
Auf Seite 32 dieser Ausgabe testet unsere Redaktion drei solcher Blends nebeneinander — gleiches Pattern, gleiche Nadel, drei Wollen. Die Unterschiede sind im fertigen Stück erstaunlich deutlich. Und sie sind, das ist das eigentliche Ergebnis, in jeder einzelnen Strick-Entscheidung längst zu spüren.